Handweberei "Henni Jaensch-Zeymer" Inh. Ulla Schünemann


Inhaberin Ulla Schünemann

Die Handweberei Geltow im Spiegel der Medien

Kuchen, Knast-Rolle, Kette und Schuss

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In der Geltower Handweberei kann man viel über das Leben von Henni Jaensch-Zeymer erfahren

Im Zuchthaus klapperte der Webstuhl. Und es hieß: Film ab, Ton läuft. Annemarie Schünemann gab sich vor der Kamera alle Mühe mit Schiffchen und Kette und Schuss. Sie hatte 1937 eine Statistenrolle in dem Ufa-Film „Zu neuen Ufern“. Im wirklichen Leben war sie Weberin – und die spielte sie auch im Knast.
Sechs Jahre später machte sich die junge Frau aus Hameln tatsächlich zu neuen Ufern auf. Geografisch und beruflich. Es verschlug sie an den Schwielowsee nach Geltow. Ein Gesellenaustausch hatte sie auf den dortigen Webhof geführt, wo sie auch wohnte. Und sie blieb und blieb – mehr als 40 Jahre. War hier bei Henni Jaensch-Zeymer Meisterin geworden und bald ihre rechte Hand und Freundin.
„Dann war meine Mutter für die Leute im Ort genauso wie Henni eben die Spinnerin. Die Geltower hielten Abstand“, erzählt Ulla Schünemann, seit 1987 Inhaberin der Handweberei und Annemaries Tochter. Die 52-Jährige ist auf dem Gehöft des Webhofs aufgewachsen. Sie erinnert sich gut an dessen Begründerin. „Eine derbe und eigenwillige Frau, die Auto fuhr. Ihr grauer Wartburg hieß Ferdinand“, weiß Ulla Schünemann, die schon in ihren Kindertagen hier so manches Konzert erlebte. Trompeter Ludwig Güttler war da, das Potsdamer Duo Axel Elter und Christian Lau. Auch Christa Wolf, Karl Foerster, Hedwig Bollhagen – wer war nicht alles zu Gast. „Sie saßen mit Henni am runden Tisch und redeten, bewirtet hat sie meine Mutter.“ Es war schon ein ganz besonderes Plätzchen mitten in dieser Obstbauerngegend.
Hier stellte Henni Jaensch-Zeymer 1939 in dem einstigen Tanzsaal des leer stehenden Gasthofs „Thomanns“ ihre 200 bis 300 Jahre alten Webstühle auf, die sie teils schon in ihren Gildenhaller Jahren angeschafft hatte. Im großen Garten hinterm Wohnhaus wurden Gemüse angebaut und Schafe zum Scheren gehalten. Über Mangel an Aufträgen konnte man sich vor allem während des Kriegs nicht beklagen. Pakete mit Gewebtem wurden in alle Ecken Deutschlands verschickt. In der Zeit der Bezugsscheine kamen nun auch die Frauen des Dorfes auf den Webhof, um Geschirrtücher oder einen Flickenteppich zu kaufen. Das Eis war gebrochen.
Auch in der DDR blieb die Weberei Privatbetrieb, 1955 wurde Henni Jaensch-Zeymer Mitglied im Verband Bildender Künstler. Nicht bloß mit der von ihr entworfenen Elde-Tischdecke kam sie auf der Leipziger Messe groß raus. Auch Meterware, Jacken, Schals aus ihrer Werkstatt waren begehrt. Und in den Defa-Filmen „Apachen“ und „Tecumseh“ trugen die Indianer ihre Ponchos.
Immer war der Webhof nicht nur Arbeitsstätte, sondern auch Lebensgemeinschaft. „Und nachdem sich Henni von ihrem Mann Werner Zeymer, dem Fotografen, scheiden gelassen hatte, herrschte reine Weiberwirtschaft“, erzählt Ulla Schünemann. Auch ihre Töchter Bianca und Nadine sind hier großgeworden. Bianca ist ebenso Handweberin und die studierte Wirtschaftsmathematikerin Nadine kümmert sich seit drei Jahren auf dem Webhof nun um den Vertrieb und das Café.
Unter Birke und Esche kann man im lauschigen Hof an nostalgischen Gartentischen Platz nehmen und sich Köstliches kredenzen lassen: Quarkkuchen ohne Rosinen und Boden, Pralinenkuchen, welchen mit Rhabarber oder Schoko-Kirsch-Torte (2,60 bzw. 2,80 Euro). Und der Beerenschmaus mit Schlagsahne und schwarzer Johannisbeersoße kostet 5,60 Euro. Hausgemachte Zitronen-Limonade (3,60 Euro) wird auch serviert, ab Juni welche mit Holunderblüten oder Weinbeeren. Die wachsen auf dem Hof und man darf von den Sträuchern ruhig mal naschen. Appetit auf etwas Deftiges? Wie wär’s mit Tomatenapfelsuppe oder Schmorgurkeneintopf (je 4,20 Euro)? Das Angebot wechselt je nach Saison.
Das verwunschene Domizil kann man gar nicht verfehlen – man macht einfach in Geltow Am Wasser Halt, wo das ockergetünchte Haus von 1750 mit den blauen Fensterläden hinter einem Vorgarten steht, in dem sommers die Malven blühen. Am Tor flattert ein Leinen-Fähnchen im Wind. Heute Abend wird um 18 Uhr zu einer Lesung mit der Schriftstellerin Christa Kozik geladen.
Die Handweberei ist seit 1992 eine Werkstatt mit privatem Museum, wo noch immer an den alten Webstühlen produziert wird. Allerlei betagte Weber-Utensilien und Spinnräder sind zu bewundern. Webmeisterin Ulla Schünemann erklärt den Gästen gern, wie das mit dem Schären, Bäumen, Spulen und den Handschiffchen und Schnellschützen so geht. Und wie die Füße die Tritte bewegen. Wer will, kann im kleinen Laden Leinenes oder Wollenes kaufen. Bollhagen-Geschirr gibt’s auch. Nicht bloß in Blau-Weiß.
Silbern, sachte ins Gold übergehend, ist hingegen jenes Kunstwerk aus Stoff, das Ulla Schünemann nach dem Entwurf des Holländers Wilhelm De Rooij gefertigt hat. Es war in Köln in einer Galerie zu sehen. Jetzt wird an vier anderen Stücken gearbeitet – für eine Schau in New York.
info: Handweberei Henni Jaensch-Zeymer, Am Wasser 19, 14548 Schwielowsee, OT Geltow, Tel. 03327/55272. Museum & Leinenladen Di-So 11- 17 Uhr geöffnet; das Café April bis Oktober Sa/ So, feiertags geschlossen.


Artikel von Angelika Stürmer zitiert nach Märkische Allgemeine vom 16. 04. 2011